Trattoria Sicilia, Berlin-Friedenau

Warum geh ich eigentlich so gern zum Italiener essen? Also, die Pasta ist es nicht, hin und wieder mal ’ne Nudel, warum denn nicht, aber eigentlich kaue ich ganz gern. Pizza ess ich auch nur zwei-, dreimal im Jahr, da bin ich ’n bisschen mäkelig, da soll schon so scharfe Spezial-Salami draufliegen, die’s nicht überall gibt. Meine Lieblingsgerichte der italienischen Küche gibt’s hier eigentlich kaum, also Kutteln römische Art, venezianischen Stockfisch, ja, so Zeugs ess ich gern, das kriegt man hierzulande ja kaum. Trotzdem hock ich so ca. einmal die Woche beim Italiener. Warum eigentlich?
Wegen der Atmosphäre natürlich, womit wir endlich bei der Trattoria Sicilia wären. Hier sind Sie nämlich Italo-Atmosphären Weltmeister. Man kommt rein, sieht die karierten Tischtücher und die Prosecco-Batterie hinterm Tresen, hört den aus den Boxen scheppernden Italo-Pop und wähnt sich gleich im sonnigen Sorrent. Fehlt nur noch, dass sie hier ihre Kellner mit Ringelhemden und Strohhüten ausstatten.
Überhaupt, diese Prachtexemplare von Kellnern, die souverän die ganze Italo-Gastro-Klaviatur beherrschen, die Damen werden ohne Ende charmiert, die Herren – je nach Besuchsfrequenz – mit „dottore“ oder „professore“ angeredet (in einer mittlerweile geschlossenen Pizzeria am Mehringhof hab ich’s mal zum „commendatore“ gebracht), ja, hier herrscht noch eine Atmosphäre wie im 50er-Jahre-Schlagerfilm.
Großes Kino dann bei unserem Erstbesuch: Als die Hauptgänge gebracht wurden, machten wir den Kellner auf eine vergessene Vorspeise aufmerksam. Der Mann ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, dieses kleine Versehen zur ganz großen Verdi-Oper aufzupumpen. Er kam wieder und wieder an den Tisch, um sich zu entschuldigen und zu geißeln, gab einen Chianti nach dem anderen aus und machte Anstalten, sich vor Kummer in sein Tranchierbesteck zu stürzen. Wir ließen schließlich unser Essen (Pizza Bel Paese und Leber vom Grill, beides höchst akzeptabel) kalt werden, um diesen offensichtlich vollkommen gebrochenen Mann zu trösten und wieder aufzurichten.
Als wir dieses Lokal schließlich doch gestärkt und von den vielen Gratis-Chiantis beschwingt verließen, hatten wir Freundschaft geschlossen und waren Stammgäste geworden.
Alles in allem: akzeptable bis gute einfache Küche, angenehme offene Weine (auch wenn man bezahlen muss) und knalliges Italien-Feeling. Das ist der Stoff, aus dem man Stammlokale macht.

Trattoria Sicilia
Beckerstr. 5
12157 Berlin
030 85629504

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Ein Gedanke zu „Trattoria Sicilia, Berlin-Friedenau

  1. Also, bei Deinem nächsten Besuch ins Trattoria Sicilia bin ich dabei. Meinst Du, sie würden Paolo Conte auflegen? Wunderbar, das sind die großen Momente des Lebens, man tritt zur Tür herein und wird begrüßt: “ Buongiorno! Commendatore.“

    Schöneres kanns nicht geben.

    Gruß
    Achim

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